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Hess.Gesellschaft f. Ornithologie + Naturschutz Schwalm Eder

Kolumne

Dohlen

 

Schwalm. Wer derzeit einen aufmerksamen Blick auf die in den Wiesen der Schwalmniederung oder den umliegenden Ackerflächen versammelten Krähengruppen wirft, wird dabei früher oder später auch schwarz gefärbte Vögel wahrnehmen, die etwa ein Drittel kleiner sind als die in den Trupps tonangebenden Rabenkrähen. Ohne sich weiter Gedanken zu machen, könnte man annehmen, dass es sich dabei um die junge Krähen handelt, die noch nicht ausgewachsen sind. Aber weit gefehlt: bei allen Vogelarten sind die Jungen, wenn sie flügge werden, also das Nest verlassen und kurz darauf voll flugfähig sind, genauso groß wie ihre Eltern. Schaut man genau, fällt bei den kleinwüchsigen Vögeln im Krähenverband auch der grau gefärbte Hinterkopf und Nacken auf – es handelt sich nicht um Krähen, sondern um Dohlen! Auch akustisch sind diese Vögel, erst einmal auf sie aufmerksam geworden, leicht auszumachen: ihre hell schallenden „kjak!“-Rufe unterscheiden sich sehr deutlich vom sprichwörtlichen Krächzen der Krähen.

Kein _Krähenjunges_, sondern an der grauen Kopfzeichnung als andere Art erkennbar - eine Dohle. Foto S. Stübing

 

Dohlen sind aus verschiedenen Gründen sehr interessante Vögel: sie sind sehr intelligent und erfassen anschauliche Situationen sogar schneller als die bekanntermaßen sehr schlauen Sittiche und Papageien. Und trotzdem (oder deswegen!) führen sie das, was Wissenschaftler als „monogame Dauerehe“ bezeichnen, sie bleiben also lebenslang mit demselben Partner zusammen. Diese Beziehungen sind im Vergleich zu den meisten anderen Vogelarten außerordentlich eng – die Partner sitzen im Schwarm immer direkt benachbart (was sich gut auf Stromleitungen beobachten lässt, wo immer zwei und zwei Tiere fast mit Körperkontakt beisammen ruhen), sie füttern sich gegenseitig und zeigen gegenseitige Gefiederpflege. Einzigartig unter unseren Rabenvögeln brüten Dohlen zudem in Höhlen, die aber aufgrund der Körpergröße der Tiere sehr geräumig sein müssen. Dabei lassen sich zwei Gruppen unterscheiden: manche Dohlen brüten in Hohlräumen in den Gebäuden, andere in Baumhöhlen. Zwischen beiden gibt es so gut wie keinen Austausch – wer als Dohle in einer Baumhöhle groß wird, bezieht später auch selbst eine solche Höhle im Baum, meist von einem Schwarzspecht hergestellt.

 

Da größere Baumhöhlen im Wirtschaftswald lange Zeit sehr selten waren, war auch die Dohle in den 1970er und 1980er Jahren ein sehr seltener Brutvogel. Inzwischen hat der Bestand aufgrund von Altholzinselprogrammen und veränderten Bewirtschaftungsrichtlinien, bei denen sogenannte Höhlen- oder Habitatbäume gezielt geschützt werden, deutlich zugenommen. Größere Brutkolonien gibt es zum Bespiel in den Wäldern zwischen Wasenberg und Neustadt oder um Willingshausen und Schrecksbach. Dohlen, die an Gebäuden brüten, kommen vor allem in Norddeutschland vor; dort ist stellenweise fast jeder Schornstein von einem Dohlenpaar besiedelt. Hessen als Waldland beherbergt bundesweit eine der größten Baumhöhlenpopulationen der Dohle, aber nur wenige Gebäudekolonien. Die nächsten Gebäudebruten sind zum Beispiel aus Homberg, Fritzlar und Melsungen bekannt, besonders viele Paare brüten zudem in Marburg. Also Augen auf – die spannenden, kleinen Dohlen sind sicher Grund genug, dem nächsten Krähenschwarm etwas Aufmerksamkeit zu widmen.

 

Soziale Pfannstielchen am Futterhäuschen

 

Der Vogel mit der Balancierstange

 

Schwalm. Jetzt im Winter ist die beste Jahreszeit, um einen unserer seltsamsten Vögel zu beobachten, die Schwanzmeise. Sie ist zwar ganzjährig bei uns anzutreffen, jetzt im Winter in den blattlosen Gehölzen aber am ehesten auch zu sehen. Ihr Name ist Programm: ein winziger Federball, geziert von unglaublich langen Schwanzfedern, den die Tiere den alten Namen Pfannstielchen verdanken. Und tatsächlich wirkt der Vogel wie eine kleine Pfanne an einem überlangen Stiel. Der auffallend runde Körper ist winzig klein und misst nur etwa fünf Zentimeter. Würde die reine Körperlänge und nicht die Gesamtlänge einschließlich der Schwanzfedern zugrunde gelegt, die Schwanzmeise wäre eine unserer kleinsten Vogelarten. Zusammen mit den neun Zentimeter messenden Schwanzfedern, die damit fast doppelt so lang wie der Körper sind, kommen 14 Zentimeter zusammen und damit die Länge eines Buchfinken oder Sperlings. Der Schwanz dient als Balancierstange, mit deren Hilfe Schwanzmeisen auch an den dünnsten Spitzen winziger Äste nach ihrer Nahrung, winzigen Insekten und Spinnen sowie deren Eiern und Larven, suchen können. Das schafft kein anderer heimischer Vogel! Die langen Schwanzfedern ermöglichen ihnen also eine fast konkurrenzfreie Nische zur Nahrungssuche, die sich die winzigen Tiere keinesfalls in einer direkten Auseinandersetzung mit den viel kräftigeren Meisen sichern könnten.

Schwanzmeise

Foto: Thomas Steiger

 

Und als wäre diese einmalige Körperform nicht schon auffällig genug, haben die Vögel noch viele weitere Besonderheiten zu bieten. Sie hängen allesamt mit dem hohen Energieverbrauch der kleinen Turner zusammen – die Vögel benötigen pro Tag eine Nahrungsmenge, die fast ihrem gesamten Körpergewicht entspricht (diesen immensen Bedarf stelle man sich einmal anhand eines 80 Kilogramm schweren Schwälmers vor). Als Antwort haben Schwanzmeisen ein komplexes Sozialverhalten entwickelt und man trifft sie niemals allein, sondern immer mindestens paarweise und die meiste Zeit im Jahresverlauf in eng zusammenhaltenden Trupps. So können sich die Vögel in kalten Nächten gegenseitig wärmen. Die beiden Eltern wären allein auch kaum in der Lage, ihre acht bis zwölf Jungen ausreichend zu wärmen und zu füttern. Regelmäßig finden sich daher andere Altvögel ein, deren eigene Junge umgekommen sind, um gemeinsam mit den Eltern eine Brut aufzuziehen. Dies geschieht allerdings nicht ganz selbstlos, diese als „Helfer“ bezeichneten Altvögel sind fast immer mit den tatsächlichen Eltern verwandt und können so auch ohne eigenen Bruterfolg ihre Gene in die nächste Generation weitergeben.

 

Im Unterschied zu den echten Meisen, die in Spechthöhlen und Nistkästen brüten oder sich wie die Haubenmeise die Baumhöhlen z.T. auch selbst zimmern, bauen Schwanzmeisen mit großem Aufwand ein durch Spinnweben, Moos und Flechten perfekt getarntes, eiförmiges Kugelnest in Astgabeln, Pflanzenranken oder an Baumstämmen. Um eine möglichst große Isolierwirkung zu erzielen, werden oft mehr als 2.000 Federn anderer Vogelarten als Auspolsterung verwendet. Auch hier helfen nicht selten andere, verwandte Altvögel mit.

 

Ab den Sommermonaten finden sich die verwanden Paare eines Gebietes mit ihren Jungen und bleiben bis zur nächsten Brutzeit in Gruppen von zehn bis zwanzig Vögeln zusammen. Gemeinsam durchstreifen sie einen Raum von 20 bis 60 Hektar, der energisch gegen andere Gruppen verteidigt wird. Hier suchen sie rastlos in Büschen und Bäumen, gerne in Wäldern und an Gewässerufern, seltener in Ortschaften, nach Nahrung und lassen sich dabei auch an Futterstellen beobachten, wenn Fettfuttermischungen angeboten werden.

 

 

Arbeitskreis Schwalm-Eder