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New | HGON Hess. Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz e.V.

Kolumne

Soziale Pfannstielchen am Futterhäuschen

 

Der Vogel mit der Balancierstange

 

Schwalm. Jetzt im Winter ist die beste Jahreszeit, um einen unserer seltsamsten Vögel zu beobachten, die Schwanzmeise. Sie ist zwar ganzjährig bei uns anzutreffen, jetzt im Winter in den blattlosen Gehölzen aber am ehesten auch zu sehen. Ihr Name ist Programm: ein winziger Federball, geziert von unglaublich langen Schwanzfedern, den die Tiere den alten Namen Pfannstielchen verdanken. Und tatsächlich wirkt der Vogel wie eine kleine Pfanne an einem überlangen Stiel. Der auffallend runde Körper ist winzig klein und misst nur etwa fünf Zentimeter. Würde die reine Körperlänge und nicht die Gesamtlänge einschließlich der Schwanzfedern zugrunde gelegt, die Schwanzmeise wäre eine unserer kleinsten Vogelarten. Zusammen mit den neun Zentimeter messenden Schwanzfedern, die damit fast doppelt so lang wie der Körper sind, kommen 14 Zentimeter zusammen und damit die Länge eines Buchfinken oder Sperlings. Der Schwanz dient als Balancierstange, mit deren Hilfe Schwanzmeisen auch an den dünnsten Spitzen winziger Äste nach ihrer Nahrung, winzigen Insekten und Spinnen sowie deren Eiern und Larven, suchen können. Das schafft kein anderer heimischer Vogel! Die langen Schwanzfedern ermöglichen ihnen also eine fast konkurrenzfreie Nische zur Nahrungssuche, die sich die winzigen Tiere keinesfalls in einer direkten Auseinandersetzung mit den viel kräftigeren Meisen sichern könnten.

Schwanzmeise

Foto: Thomas Steiger

 

Und als wäre diese einmalige Körperform nicht schon auffällig genug, haben die Vögel noch viele weitere Besonderheiten zu bieten. Sie hängen allesamt mit dem hohen Energieverbrauch der kleinen Turner zusammen – die Vögel benötigen pro Tag eine Nahrungsmenge, die fast ihrem gesamten Körpergewicht entspricht (diesen immensen Bedarf stelle man sich einmal anhand eines 80 Kilogramm schweren Schwälmers vor). Als Antwort haben Schwanzmeisen ein komplexes Sozialverhalten entwickelt und man trifft sie niemals allein, sondern immer mindestens paarweise und die meiste Zeit im Jahresverlauf in eng zusammenhaltenden Trupps. So können sich die Vögel in kalten Nächten gegenseitig wärmen. Die beiden Eltern wären allein auch kaum in der Lage, ihre acht bis zwölf Jungen ausreichend zu wärmen und zu füttern. Regelmäßig finden sich daher andere Altvögel ein, deren eigene Junge umgekommen sind, um gemeinsam mit den Eltern eine Brut aufzuziehen. Dies geschieht allerdings nicht ganz selbstlos, diese als „Helfer“ bezeichneten Altvögel sind fast immer mit den tatsächlichen Eltern verwandt und können so auch ohne eigenen Bruterfolg ihre Gene in die nächste Generation weitergeben.

 

Im Unterschied zu den echten Meisen, die in Spechthöhlen und Nistkästen brüten oder sich wie die Haubenmeise die Baumhöhlen z.T. auch selbst zimmern, bauen Schwanzmeisen mit großem Aufwand ein durch Spinnweben, Moos und Flechten perfekt getarntes, eiförmiges Kugelnest in Astgabeln, Pflanzenranken oder an Baumstämmen. Um eine möglichst große Isolierwirkung zu erzielen, werden oft mehr als 2.000 Federn anderer Vogelarten als Auspolsterung verwendet. Auch hier helfen nicht selten andere, verwandte Altvögel mit.

 

Ab den Sommermonaten finden sich die verwanden Paare eines Gebietes mit ihren Jungen und bleiben bis zur nächsten Brutzeit in Gruppen von zehn bis zwanzig Vögeln zusammen. Gemeinsam durchstreifen sie einen Raum von 20 bis 60 Hektar, der energisch gegen andere Gruppen verteidigt wird. Hier suchen sie rastlos in Büschen und Bäumen, gerne in Wäldern und an Gewässerufern, seltener in Ortschaften, nach Nahrung und lassen sich dabei auch an Futterstellen beobachten, wenn Fettfuttermischungen angeboten werden.

 

 

Arbeitskreis Schwalm-Eder