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Pilze | HGON Hess. Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz e.V.

Pilze

Pilze – ein Wanderung im Rommershäuser Wald

Befindet man sich in dieser Phase des lernenden Pilzsammlers, ist die Teilnahme an einer Wanderung mit pilzkundigen Leuten ideal. Man erweitert das Spektrum der Pilzarten, die man Anfang September sammeln kann und erfährt etwas über die überragende Bedeutung der Pilze für den Wald. Dieses Waldgebiet nicht  überrascht mit einer großen Artenfülle, die wir hier antreffen und vor allem mit Massen an Pilz-Fruchtkörpern, die man an denHängen dieses Mischwaldstückes zu sehen bekommt, wenn das Pilzjahr Feuchtigkeit und Wärme in ausreichendem Maße und zur rechten Zeit und damit optimale Lebensbedingungen für Pilze bot. Ein solcher Anblick gibt Gelegenheit etwas darüber zu sagen, was die vielen Pilze hier eigentlich machen.

Ganz offensichtlich ernähren sich Pilze anders als die Bäume, in deren Wurzelbereich sie wachsen. Während diese – wie alle Pflanzen – in der Lage sind, sich mit Hilfe des Blattgrüns unter dem Einfluss des Sonnenlichtes und Wasser und Salzen aus dem Boden alle Stoffe, die sie zum Leben benötigen, selbst aufzubauen, können das die Pilze nicht, da ihnen das Chlorophyll fehlt. Dieser Unterschied und andere wesentliche Abweichungen haben dazu geführt, dass man die Pilze nicht mehr zu den Pflanzen rechnet. Zahlreiche molekularbiologische Befunde zeigen vielmehr, dass die Pilze den Tieren näher stehen als den Pflanzen. Dennoch sind auch zu diesen die Unterschiede so fundamental, dass man sie neben dem Pflanzen- und dem Tierreich in ein eigenes Reich, das Reich der Pilze, einordnet. Schon vor Millionen von Jahren haben sie zusammen mit den Pflanzen das Festland besiedelt und so sind heute beide aufeinander angewiesen. Pilze brauchen kein Licht, um zu leben, wohl aber benötigen sie vorwiegend abgestorbenes Pflanzenmaterial, das sie mit Hilfe von Enzymen, die sie ausscheiden, außerhalb ihrer Zellen verdauen und die kleineren Bausteine, die dabei entstehen, mit ihrem im Boden lebenden Fadengeflecht, dem Myzel, aufnehmen. Alles verfügbare organische Material, das im Wald anfällt, wird recycelt und so für die Pilze und alle Pflanzen des Waldes wieder verfügbar gemacht. Das eigentliche Lebewesen Pilz wächst im Boden. Das, was wir hier in hunderten von Exemplaren sehen, sind die Fruchtkörper, die mit der Erzeugung von Sporen der Fortpflanzung des Pilzes dienen. Wenn die Biomasse der oberirdisch zu sehenden Pilze schon so beeindruckend ist, so wird sie von der Gesamtmasse der Myzelien in der Erde noch weit übertroffen. Es wird an dieser Stelle ganz augenfällig, dass die Pilzgeflechte im Boden eine Riesenoberfläche haben, große Mengen an Nährstoffen für sich und die Pflanzen wieder verfügbar machen und große Mengen an Wasser festhalten. Die ökologische Bedeutung der Pilze für diesen Wald und natürlich für alle unsere Wälder kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Allen Teilnehmern leuchten diese Zusammenhänge bei dem sichtbaren Ausmaß der Pilzbesiedlung unmittelbar ein und es wird die Frage laut, ob man unter diesen Umständen tatsächlich mit zwanzig Leuten Pilze „pflücken“ sollte. Ich gebrauche hier bewusst den Begriff pflücken, der an die Obsternte erinnert. Der Vergleich erscheint durchaus zulässig. Wenn ich alle Früchte eines Baumes abernte, diesen dabei aber nicht verletze, existiert er als Baum unbeschadet weiter und kann immer wieder Früchte hervorbringen. Wenn wir also beim Sammeln das Myzel in der Erde nicht beschädigen, lebt es im Boden weiter und wird bei günstigen Bedingungen im nächsten Jahr wieder Fruchtkörper hervorbringen. Viele Myzelien wachsen, wenn es der Boden zulässt, in alle Richtungen gleich schnell. Wenn nur an der Peripherie Fruchtkörper ausgebildet werden, sind sie kreisförmig angeordnet. Wir kennen alle diese Hexenringe und sehen auch an diesem Vormittag zahlreiche davon, besonders beeindruckende von der Nebelkappe, von denen die kleineren in verschiedene Körbchen wandern. In humosem Boden beträgt die durchschnittliche Wachstumsgeschwindigkeit des Myzels dreißig Zentimeter pro Jahr, sodass man aus dem Durchmesser des Hexenrings, natürlich auch, wenn er unvollständig ist, das Alter des Myzels errechnen kann. Aus solchen Berechnungen wissen wir, dass Myzelien mehrere hundert Jahre alt werden können. Vor acht Jahren entdeckten Biologen im US-Staat Oregon das Myzel einer Hallimaschart, das einen Durchmesser von fünf Kilometern besitzt und eine Fläche von neun Quadratkilometern durchzieht. Sein Alter beträgt rund zweieinhalbtausend Jahre, sein Gewicht viele hundert Tonnen. Einen solchen Giganten haben wir natürlich an diesem Sonntag nicht gefunden, aber es ist sicher, dass auf der gleichen Fläche die Myzelien der verschiedenen Pilzarten zusammen genommen ebenso viel wiegen. )

 

 

Arbeitskreis Schwalm-Eder