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Tannenmeisen

Genau hingeschaut

Invasion von Tannenmeisen – Bruchpiloten auf Wanderschaft

Tannenmeisen sind schlechte Flieger, die den schützenden Nadelwald, in dem sie brüten, nur ungern verlassen. Wenn sie das doch tun müssen, schrauben sie sich mühsam auf eine Flughöhe von etwa 200 Meter, um so den in Bodennähe jagenden Greifvögeln aus dem Weg zu gehen. Sobald sie wieder Wald unter sich haben, lassen sie sich wie kleine Steine wieder rasch nach unten fallen und verschwinden schnell im Astgewirr.

Selbst nur wenige hundert Meter breite Felder zwischen zwei Waldgebieten können die Tiere daher nur mit großem Aufwand überbrücken. In den letzten Wochen August/September 2012 machte sich aber eine der seltenen Invasionen bemerkbar, bei der Tannenmeisen mehrere tausend Kilometer zurücklegen können. Warum tun sich die Bruchpiloten das an?

Unter nahrungsreichen Bedingungen können Tannenmeisenpaare bis zu 30 Junge in drei Bruten in nur einem Sommer aufziehen. Sie sind damit so reproduktionsfreudig wie kaum eine andere heimische Vogelart. Nach einem guten Brutjahr kann daher die Nahrung für die kleinen Vögel knapp werden, besonders dann, wenn auch die anderen Meisenarten erfolgreich brüten konnten. Diese sind den kleinen Tannenmeisen körperlich überlegen und verhindern oft deren erfolgreiche Nahrungssuche. Dann bleibt vielen Tannenmeisen keine andere Wahl, als sich in Schwärmen auf Wanderschaft zu begeben und auf bessere Nahrungsgründe in der Fremde zu hoffen. So erreichte eine beringte Tannenmeise aus Niedersachsen im Herbst 1974 nach einer Wanderung von gut 2.600 Kilometern sogar Marokko, zwei Vögel aus Ostdeutschland immerhin Spanien. Ein kaum vorstellbarer Aufwand, wenn schon die Überquerung von 500 Meter baumfreier Feldlandschaft das Äußerste abverlangt.

Die  Invasion im September 2012  beruhte vermutlich auf der starken Fichtenmast des vergangenen Winters. In Mastjahren der Fichte, deren Samen die Meisen häufig als Nahrung nutzen, ist die Überlebensrate und oft auch der Bruterfolg im anschließenden Frühjahr größer als sonst. Das wiederum hat Folgen, ihnen geht sprichwörtlich die  Nahrung aus. Dies eröffnet die seltene Möglichkeit, Tannenmeisen auch im eigenen Garten zu beobachten, da die kleinen Wanderer auch gerne durch die nadelholzreichen Ortslagen ziehen. Oft machen sie zuerst mit einem ungewohnten, lauten „tsuist!“ auf sich aufmerksam. Wer dann genau hinschaut, erkennt eine klein, kurzschwänzige Meise. Durch den schwarzen Kopf mit dem auffälligen weißen Wangenfleck ähneln sie den bekannten Kohlmeisen, die aber wesentlich größer sind und einen gelben Bauch (beigebräunlich bei der Tannemeise) zeigen. Das beste Merkmal der Tannenmeise ist ein großer, rechteckiger, weißer Nackenfleck, der allerdings nicht leicht zu sehen ist, wenn die Winzlinge nervös in Nadelbäumen umher turnen und sich für die Überquerung der 300 Meter bis zur nächsten Hecke bereit machen.

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Tannenmeise
Zum Vergleich die Kohlmeise
Weibliche Kohlmeise , erkennbar am zum Bauch hin auslaufenden schwarzen Brustband. Foto_C. Gelpke

 

Arbeitskreis Schwalm-Eder